



Eigentlich begann alles mit dem Lockdown-Frühling 2020. Da hatte man viel Zeit, im Internet zu versumpfen – genauer gesagt auf YouTube. Nach stundenlangem Skippen erscheint auf meinem Bildschirm ein Video, das meine Neugierde weckt: „Liedercircus 1978“ lautet der Titel. „Da bin ich daheim“, denke ich und drücke auf Play. Schwarze Bühne, weiße Ränge, in der Mitte eine halbrunde Bühne mit kleiner Showtreppe. Darauf steht eine Frau. Die rotblonden Locken hat sie hochgesteckt, ihr langer Körper steckt in einem schwarzen Stoffschlauch. Unter ihrem tief ausgeschnittenen Dekolleté glitzern Strasssteine. Klavier. Die Unbekannte öffnet den Mund, ich bin wie elektrisiert. „Sie war nur Fassade, deine Selbstzufriedenheit…“ singt sie. Schlagwerk setzt ein. Die Frau streicht sich über ihre Schultern, öffnet die Arme mit großer Geste. Dann der Refrain. An dessen Ende geht sie langsam die wenigen Stufen hinunter. Der Rücken dabei kerzengerade, ihre Füße sind auswärts gedreht. „Die hat doch eine Tanzausbildung“, höre ich mich sagen und öffne einen neuen Tab. In die Suchleiste tippe ich ihren Namen: Margot Werner. Immerhin, es gibt einen Wikipedia-Artikel. Der ist – in Vertrauen auf die bekannte Online-Enzyklopädie – meine erste Wahl. „…war eine Ballerina und Chansonsängerin.“ Ges Gestorben am 1. Juli 2012. Oh.
72 ist heutzutage nicht unbedingt ein Alter, in dem man sterben muss. Ich lese weiter – und stutze kurz darauf erneut. Wie kann der Artikel über diese Frau so kurz sein? Warum XXX? Wieso nahm sie sich das Leben? XXX Das ZVAB und eBay werden meine neuen besten Freunde. Dort kaufe ich die drei Dinge, die mich in meiner selbstgestellten Mission bestätigen: Eine Autogrammkarte, die Platte „Und wenn die Welt zusammenfällt“ und Margots Autobiographie. Stundenlang habe ich die Karte angestarrt, teils ehrfürchtig, teils forschend. Wer war die Frau hinter diesen schwunghaften Handschrift? Das können mir nur diejenigen sagen, die sie erlebt haben. Also fange ich wieder an zu googeln. Ihr zweiter Ehemann Jochen ist bereits einige Jahre tot, Kinder hatte sie nicht. Geschwister, wie sich schnell herausstellt, ebenfalls nicht. XXX Da stellt sich bloß die Frage, wie man zu fragen beginnt, ohne sich lächerlich zu machen. Ich kann doch nicht wildfremde Menschen, zum überwiegenden Teil Senioren, anrufen und als völlig Fremde mit ihrer aller ehemaligen Kollegin um die Ecke biegen. Und was soll ich da bitte sagen? „Hallo, hätten Sie Lust, mit mir über Margot Werner zu sprechen?“ Schrecklich. Jedes Mal bin ich aufs Neue aufgeregt, wie sie reagieren. Will niemanden stören, keine alten Wunden aufreißen.
Danksagung
Mein großer Dank gebührt allen Menschen, die sich für ein Gespräch über den Kosmos „Margot Werner“ zur Verfügung gestellt haben. Ohne ihre Erinnerungen wären viele Spuren und Geschichten im Sand verlaufen.
Folgende Personen möchte ich besonders hervorheben:
- Dr. Walter Demmel, Stadtteilarchivar von Allach-Untermenzing, der mir mit seinem Wissen zu Heinz Bosl im Besonderen und München im Allgemeinen ein verlässlicher Berater und guter Freund geworden ist
- Steffi Kammermeier, Regisseurin und Autorin, die mich inspiriert und bestärkt hat
- Jöran Steinsiek, Journalist und Multitalent, der jungen Kreativen Chancen bietet
- Johannes Arneth, Geschäftsleiter der Firma Almdorfbau, für die vertrauensvolle Zusammenarbeit
- Dr. Serge Honegger, Dramaturg des Bayerischen Staatsballetts, für seine Offenheit
- Thomas Litt für einzigartige Einblicke und Gespräche
- Michael Doster, Robert Gernhardt und Peter Bischoff, die ihr fotografisches Wirken mit mir teilten
- Sophia Wimmer und Michael Seidl, meine Kollegen und guten Freunde, auf deren Meinung ich viel Wert lege
- Julia Döring, die vor mir an die Entstehung dieses Archivs glaubte
Autorinnen

Isabella
ist Journalistin und studiert Theaterwissenschaft. Ballett und Musik gehören zu ihren großen Leidenschaften, so dass die Faszination "Margot Werner" nicht fern lag.

Sophia
ist ebenfalls Journalistin sowie Autorin. Mit ihrem künstlerischen Talent und Gefühl für Sprache ist sie aus dem Projekt "Das Archiv" nicht mehr wegzudenken.